Brandstempel der Ruhlmann Werkstätten

Über Umwege bekamen wir Ende 2018 die Anfrage über die Rekonstruktion der Polsterung diverser Möbel des Art Deco, namentlich Möbel von Jaque-Emil Ruhlmann, dem wohl Namenhaftesten Designer dieser Periode, sowie seines Neffen Andre Porteneuves und anderer.

Letzten Endes konnten wir im März mit den Arbeiten beginnen, zusammen über 800 reine Arbeitsstunden, in denen die Polsterung von insgesamt 5 schwere Sessel, 6 Armlehnstühle, ein Tagesbett, einen Hocker und 2 Stühle komplett traditionell rekonstruiert wurden, ohne den Einsatz von Tackern und anderen modernen Polstermitteln. Jedes Möbel hatte seine Individuellen Anforderungen, bei denen uns auch französische Lehrbücher nicht immer weiterhelfen konnten. Hierzu war es oft hilfreich, vorerst Zeichnungen der Möbel anzufertigen, um das spätere Aussehen zu visualisieren und während des Zeichnens eine Idee zu entwickeln, wie die Polsterung später im fertigen Zustand aussehen muss.

Tagesbett, Massiv, geschnürt, edles Furnier aus Mammutbaum

Den Anfang machten wir mit dem Tagesbett. Es wurden insgesamt 61 Federn per Hand aufgenäht und geschnürt. Anschließend sind mehrere Kantendrähte angebunden worden, um dort die spätere Kantenwulst, das sogenannte Cuve, befestigen zu können. Nachdem die Polsterung fertig war, wurden ein großes Kissen und ein Nackenkissen angefertigt. Das furnier des Kopfteils und des Rahmens besteht aus kanadischem Mammutbaum. Hier konnten wir die ersten Erfahrungen mit speziellen französischen Schnürtechniken sammeln, die bei uns in Gänze unterschiedlich praktiziert werden und uns für die späteren Sessel sehr genützt haben.

Stühle in Seide

Nach zahlreichen Stühlen, welche hier keiner besonderen Beschreibung bedürfen, wurden die ersten Sessel gepolstert. Besonderes Augenmerk gilt hier drei Modellen. Dem einzelnen Sessel aus den Werkstätten Ruhlmanns und den beiden Ledersesseln. Die Polsterung der Ledersessel hatte es in sich. Nach dem Sitz wurde die Rückenlehne in Kokusfasern gepolstert. Nach dem Formen und festnageln der Kanten, wurden sie mit 5 Stichreihen garniert. Besonders das herausarbeiten der Runden Form war eine Herausforderung. Als dann alles mit Rosshaaren pikiert und weißem Nessel bezogen war, begannen die Bezugsarbeiten. Sie wurden mit Naturbelassenem Leder bezogen. Wenn man sich mit Ruhlmann als Person beschäftigt, erliest man sich seine Exaktheit in allem was aus seinen Werkstätten ging. Alle Nähte mussten perfekt übereinander sitzen, keine ungewollten Falten oder Unebenheiten waren erwünscht, jede noch so kleine Ungenauigkeit hatte wohl die komplette Neuanfertigung als Konsequenz.

Sessel Ruhlmann, runde Sitzform, exakt gearbeitete Facon
Sessel, Ruhlmann, Leder
Sessel Ruhlmann, blauer Samt, Vorderansicht

Nachdem dann also alles bezogen war und die Nähte übereinander passten, konnten wir den Abschluss in Angriff nehmen. Gefordert waren hier Leisten, die so nicht mehr Produziert werden. Dazu gab es bereits einen Artikel in der vorherigen Ausgabe selbiger Zeitung. Diese in jeder Dimension biegbaren, mit Zinn ausgegossenen Messingleisten wurden der Form nach den Sesseln angepasst, alle Nägel wurden eingelötet und die Leisten anschließend mit Leder bezogen. Zum Schluss wurden sie montiert. Doch auch der blaue Sessel „Magnin“ hatte es in sich. Nicht jeder Sessel wird, wie bereits erwähnt, so gebaut, dass man ihn mit Lehrbuchmethoden polstern kann. Auch die vorhandene Polsterung ließ auf nichts schließen, da sie eher schlecht ausgeführt war. Die Prämisse hier war, alles ohne sichtbare Abschlüsse zu beziehen, im Klartext: keine Borten auf den Nagelkanten oder Ziernägel als Abschluss. Dazu wird vorerst ein Stoffstreifen grob angenagelt. Je nach späterem Stoff ein neutrales Gewebe oder derselbe Stoff wie für die Bezugsarbeiten. Wir konnten ein neutrales Gewebe nutzen, da der Velours äußerst dicht ist. Als dieser mit der offenen Seite nach außen genagelt wurde, ist ein Pappstreifen in engen Abständen auf den vorhandenen Stoff genagelt worden. Zu guter Letzt konnte das neutrale Gewebe um den Pappstreifen gezogen und wieder in weiten Abständen angenagelt. So war es Möglich, den Bezugsstoff erst offenkantig und anschließend umgebuckt, also nach innen geschlagen, anzuheften. Später kann dann alles vernäht werden. Dies ist eine französische Methode der Abschlussarbeiten, die in Deutschland so nicht oder nur selten praktiziert wurde, und auch in Frankreich so gut wie ausschließlich bei Möbeln des Art Deco angewandt wird. Alleine für die Spannteile brauchten wir über 12 Stunden zum nähen.

Sessel, Ruhlmann, Magnin, blauer Samt

In gleicher Technik wurden auch die Abschlüsse der beiden in Seide bezogenen Stühle gefertigt. Vor allem das händische Nähen von Seide ist eine Herausforderung. Die Stiche können gar nicht klein genug sein und aufgrund des natürlichen Zugverhaltens von Seide ist jede Handnaht immer sichtbar. Akzeptiert man dies jedoch als natürliche Eigenschaft, findet sich nichts Störendes daran.

Handnaht, extrem feiner Stich